Der erste Blick auf Überlingen ist ein Klischee, das ausnahmsweise stimmt: Man kommt aus dem Parkhaus, geht ein paar Schritte, und plötzlich steht man vor einer Uferpromenade, die so breit und so grün ist, dass man unwillkürlich langsamer wird. Kein Wunder, dass ich beim ersten Besuch fast zwei Stunden auf dieser Promenade verbracht habe, bevor ich überhaupt in die Altstadt abgebogen bin. Sehenswürdigkeiten in Überlingen liegen hier dicht beieinander – das ist Fluch und Segen zugleich, denn wer nur eine Stunde Zeit hat, sieht entweder viel zu wenig oder rennt sich die Beine in den Bauch.

Was folgt, ist keine Liste zum Abhaken. Es ist die Route, die ich inzwischen jedem empfehle, der mich fragt – inklusive der Ecken, an denen die meisten Reiseführer aufhören.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Altstadt ist kompakt: Vom Münster zur Uferpromenade sind es keine fünf Gehminuten.
  • Die Wallfahrtskirche Birnau liegt außerhalb und braucht ein Auto, einen Bus oder gute Kondition.
  • Der Münsterturm lässt sich in der Saison besteigen – der Aufstieg ist eng, die Aussicht dafür umso besser.
  • Bei Regen funktionieren Stadtmuseum und Kirchenfenster besser als jede Promenade.
  • Wer nur einen Tag hat, sollte Birnau nicht in die Mittagszeit legen, sondern früh oder spät anreisen.

Hat Überlingen eine schöne Altstadt?

Ja – und zwar eine, die den Vergleich mit Konstanz oder Meersburg nicht scheuen muss. Der Unterschied liegt im Tempo. Konstanz ist eine Großstadt, die zufällig am Wasser liegt. Überlingen ist ein Ort, der sich ganz bewusst um seinen See herum gebaut hat, und das spürt man in jedem zweiten Schritt.

Ich bin ehrlich: Beim ersten Rundgang war ich fast ein bisschen enttäuscht. Ein paar enge Gassen, ein paar hübsche Fassaden, ein Marktplatz. Nett. Aber dann hat mir eine Bekannte, die dort aufgewachsen ist, den entscheidenden Hinweis gegeben – und seitdem sehe ich die Stadt anders.

Warum die Fassaden mehr erzählen als auf den ersten Blick

Die Häuserzeilen sind keine Kulisse. Viele der Patrizierhäuser in der Altstadt tragen noch ihre historischen Bemalungen, und wer genau hinsieht, erkennt an den Fassaden die Handschrift von Familien, die über Generationen hier gewohnt haben. Barocke und gotische Elemente stehen direkt nebeneinander, weil die Stadt über Jahrhunderte gewachsen ist und nicht am Reißbrett entstanden.

Was mir am besten gefällt: Es gibt keine einzige Straße in der Altstadt, die aussieht wie eine Fußgängerzone in einer beliebigen deutschen Mittelstadt. Kein uniformes Pflaster, keine einheitlich gestrichenen Fassaden. Die Stadt hat sich erlaubt, unordentlich zu bleiben. Das ist selten geworden.

Münster St. Nikolaus – was drinnen auf Sie wartet

Die meisten Besucher bleiben im Eingang stehen, fotografieren das Schiff und gehen wieder. Schade. Das Münster St. Nikolaus ist der größte gotische Kirchenbau am Bodensee, aber seine eigentliche Attraktion liegt im Detail: die Fresken, die Gewölbe, das Chorgestühl. Ich habe beim zweiten Besuch eine halbe Stunde nur vor einem Seitenaltar gestanden und Dinge entdeckt, die ich beim ersten Mal komplett übersehen hatte.

Praktisch: Der Eintritt in die Kirche ist frei, für den Turm wird in der Regel ein kleiner Obolus verlangt, der dem Erhalt zugutekommt. Wer nicht gut zu Fuß ist, sollte den Aufstieg auslassen – die Treppe ist eng und wird an vollen Tagen zur Geduldsprobe.

Für was ist Überlingen bekannt?

Wenn ich Freunden erzähle, dass ich regelmäßig nach Überlingen fahre, kommt meistens eine von zwei Reaktionen: Entweder ein anerkennendes Nicken („Ach, die Promenade!“) oder ein fragendes Stirnrunzeln. Dabei hat die Stadt mehr als nur das eine Klischee.

Für was ist Überlingen bekannt?

Die Seepromenade – der längste Uferweg am See

Die Uferpromenade gilt als die längste am Bodensee, und sie ist der Grund, warum ich Überlingen im Sommer jeder anderen Stadt am See vorziehe. Über zwei Kilometer Weg ohne eine einzige Straße dazwischen, gesäumt von Blumenbeeten, alten Bäumen und Bänken, auf denen man tatsächlich sitzen möchte. Ich habe dort mal einen ganzen Nachmittag mit einem Buch verbracht und mich dabei ertappt, wie ich kaum drei Seiten gelesen habe – weil ständig ein Segelboot vorbeizog, das interessanter war.

Ein Tipp, den ich teuer bezahlt habe: Im Hochsommer ist die Promenade gegen elf Uhr morgens bereits voll. Wer die ruhige Version will, kommt vor neun oder nach sieben. Der Unterschied ist enorm.

Stadtbefestigung und Stadtgraben

Wer von der Promenade in die Altstadt abbiegt, stößt schnell auf Reste der alten Stadtmauer. Die Türme sind teilweise begehbar, der Stadtgraben ist heute ein Grünstreifen, durch den man spazieren kann. Ich habe beim ersten Mal nicht begriffen, dass ich durch einen ehemaligen Verteidigungsring laufe – erst der Blick auf einen Stadtplan hat das Puzzle zusammengesetzt.

Wallfahrtskirche Birnau – der Ausflug, der sich lohnt

Birnau liegt ein paar Kilometer außerhalb und ist für mich der eigentliche Höhepunkt der Gegend. Die Kirche thront über den Weinbergen, und die Innenausstattung ist so überwältigend, dass ich beim ersten Betreten unwillkürlich stehen geblieben bin. Der Blick von der Terrasse über den See ist der Grund, warum ich inzwischen jedes Mal hinfahre, auch wenn ich die Kirche schon kenne.

Ohne Auto wird es allerdings umständlich. Es fährt ein Bus, aber die Verbindungen sind nicht üppig. Ich habe es einmal mit dem Rad versucht – landschaftlich großartig, aber die Rückfahrt bergauf hat mich an meine Grenzen gebracht. Wer nicht regelmäßig radelt, sollte den Bus nehmen.

Welche Geheimtipps gibt es in Überlingen?

Hier wird es interessant. Denn die berühmten Punkte kennt jeder, aber die Stadt hat Ecken, die in keinem der üblichen Rundgänge auftauchen.

Welche Geheimtipps gibt es in Überlingen?

Das Museumsquartier abseits der Stoßzeiten

Das Museumsquartier rund um das Reichlin-Meldegg-Haus zeigt Stadtgeschichte – und ich hatte beim ersten Besuch eine völlig falsche Vorstellung davon. Ich erwartete verstaubte Vitrinen. Bekommen habe ich eine überraschend lebendige Sammlung mit Bezügen zur Region, die ich so nicht erwartet hatte. Wer bei Regen in der Stadt festsitzt, ist hier gut aufgehoben.

Ehrlich gesagt: Ich habe das Museum nur aus Verlegenheit betreten, weil es in Strömen goss. Sonst wäre ich nie hineingegangen. Manchmal muss man dem Wetter dankbar sein.

Die Gassen hinter dem Münster

Die meisten Besucher bleiben auf der Hauptachse zwischen Promenade und Münster. Zwei Straßen weiter hinten wird es leer, still und, wie ich finde, schöner. Kleine Höfe, Brunnen, an denen niemand steht. Ich habe dort mal eine Viertelstunde auf einer Bank gesessen, ohne dass ein einziger Mensch vorbeikam – an einem Samstag im August.

Was ich nicht empfehle

Der Versuch, alles an einem Nachmittag zu schaffen. Ich habe das beim ersten Besuch probiert und bin am Ende durch die Altstadt gerannt, ohne irgendwo wirklich anzukommen. Überlingen belohnt Langsamkeit – wer das ignoriert, hat am Ende Fotos, aber keine Erinnerungen.

Welche Aktivitäten eignen sich für einen Tagesausflug in Überlingen?

Ein Tag reicht für die Stadt – knapp. Wie viel Sie schaffen, hängt davon ab, ob Sie ein Auto dabeihaben und wie viel Wert Sie auf Kirchenfenster legen.

So sieht ein Tagesablauf aus, den ich inzwischen mehrfach gefahren bin und der für die meisten funktioniert:

Zeitfenster Aktivität Dauer Gut bei Regen?
9:00 – 10:30 Rundgang durch die Altstadt mit Münster ca. 90 Min. Teilweise
10:30 – 11:30 Seepromenade bis zum Ende ca. 60 Min. Nein
11:30 – 12:00 Stadtbefestigung und Stadtgraben ca. 30 Min. Bedingt
Mittagspause Essen in der Altstadt variabel Ja
14:00 – 16:00 Birnau (mit Anfahrt) ca. 2 Std. Nein
16:00 – 17:00 Museumsquartier oder Kaffee ca. 60 Min. Ja

Diese Reihenfolge ist kein starres Programm. Sie ist der Versuch, die Promenade in den ruhigen Morgenstunden zu erwischen und Birnau am Nachmittag, wenn das Licht über den Weinbergen besser wird.

Was ist mit einer Schifffahrt?

Die Kursschiffe legen direkt an der Promenade ab, und eine Runde über den See ist eine der entspanntesten Arten, die Region zu sehen. Ich bin einmal bis nach Meersburg übergesetzt und habe die Rückfahrt auf dem Oberdeck verbracht – der Wind war kälter, als ich erwartet hatte, aber die Aussicht auf die Stadt vom Wasser aus ist etwas völlig anderes als vom Ufer.

Wer wenig Zeit hat: Die kurzen Rundfahrten reichen. Wer einen halben Tag übrig hat: Rübersetzen und drüben zu Mittag essen ist ein solides Programm.

Und wenn es regnet?

Dann wird es eng – aber nicht hoffnungslos. Das Stadtmuseum im Museumsquartier, die Kircheninnenräume und ein langes Mittagessen tragen durch einen verregneten Nachmittag. Was nicht funktioniert: die Promenade. Ich habe es versucht. Nach zwanzig Minuten war ich durch.

Was bleibt

Überlingen ist keine Stadt, die einen umhaut. Sie ist eine Stadt, die einen einholt – oft erst beim zweiten oder dritten Besuch. Die Promenade ist großartig, die Altstadt ist echter als in vielen Orten am See, und Birnau allein rechtfertigt die Anreise.

Was ich mir beim letzten Besuch gedacht habe, als ich auf der Bank hinter dem Münster saß und niemand vorbeikam: Es ist merkwürdig, dass eine Stadt so viel Aufmerksamkeit für ihre Hauptstraße bekommt und so wenig für das, was zwei Straßen weiter liegt. Vielleicht sollte man Überlingen genau deshalb nicht nach seiner bekanntesten Sehenswürdigkeit beurteilen, sondern nach dem, was man findet, wenn man weitergeht.